Europäische Begegnungen mit Ulmer Akzenten
Kreisau/Polen: Ulmer Ausstellung, „wir wollten das andere“;
Begegnung von 30 Jugendlichen aus Weißrussland, Polen und Ulm

Eine der wichtigsten Wider-standsgruppen im Nationalso-zialismus war der christlich-sozialistische „Kreisauer Kreis“ um Helmuth James Graf von Moltke. In den Gebäuden von dessen Schlossgut Kreisau (polnisch: Krzyzowa) im ehe-maligen Niederschlesien, süd-westlich von Breslau/Wroclaw, befindet sich heute nicht nur eine Gedenkstätte, sondern auch eine Internationale Begegnungsstätte. Trägerin ist die „Stiftung Kreisau für Europäische Verständigung“.

Am 26. März wurde dort die als Dauerausstellung in der Ulmer Volkshochschule befindliche Ausstellung der „Ulmer DenkStätte Weiße Rose“ in ihrer Form als Wanderausstellung eröffnet. Unter dem Titel, „wir wollten das andere“, zeigt die Ausstellung biographische Por-träts von 28 Ulmer Jugendlichen, die dem Anpassungsdruck in dieser Zeit auf unterschiedliche Weise widerstanden hatten. Vor dem Hintergrund dieser Aus-stellung und des historischen Ortes Kreisau kam es dann von 28. Mai bis 3. Juni zu einer Begegnungswoche für 30 Jugendliche zwischen 17 und

 

21 Jahren. Die Teilnehmer kamen aus Neswich/ Weißruss-land, Swidnica (Schweidnitz) Polen und aus der Region Ulm. Die Gesamtleitung hatte Fritz H. Bauer vom Dokumentations-zentrum Oberer Kuhberg, in enger Kooperation mit Marzena Korona-Kruk von der Stiftung Kreisau und mit Karin Bey von der „DenkStätte Weiße Rose“ an der Ulmer Volkshochschule.
Unterstützt wurde die Begeg-nungswoche von den Stiftungen „Erinnerung – Verantwortung – Zukunft“ und „West-östliche Begegnung“ sowie vom Verein „Gegen Vergessen – für Demokratie“.

Inhaltlich ging es darum,
- das Land Polen und die Region in Gegenwart und Vergangenheit kennen zu lernen und sich mit dem Leben in totalitären Systemen auseinanderzusetzen; · - die Gemeinschaft mit gleich-altrigen Jugendlichen aus drei Ländern zu erleben, einen Einblick in deren Denkweisen und Kultur zu bekommen; das heisst, in der Gruppe Toleranz, Solidarität, Zivilcourage zu erfahren, zu praktizieren, zu lernen.

 

 

Ausstellungseröffnung in Kreisau am 26. März, von links: Ausstellungsmacher Uli Häussler, Volkshochschulleiterin Dr. Dagmar Engels, Festredner Prof. Dr. Joachim Gauck (Gegen Vergessen), Roman Sobkowiak, Fritz Bauer (DZOK), Marzena Korona-Kruk (Kreisau), Dr. Peter Ohr, Generalkonsul der BRD in Breslau. (Foto: Sobkowiak; A-DZOK, 2004, Kreisau)

 

 

Im folgenden einige Stimmen zu beiden Veranstaltungen:

Roman Sobkowiak …
… war Ehrengast bei der Eröffnung der Ausstellung am 26. März, denn sein Leben ist ein polnisch-deutsches. 1923 südlich von Posen, an der Grenze zu Deutschland, geboren, wurde er zusammen mit seinen Eltern und fünf Geschwistern nach dem Überfall auf Polen aus dem eigenen Haus vertrieben. Während drei Geschwister umkommen bzw. in KZs deportiert werden, wird Roman 1941 mit zwei Geschwistern und seinen Eltern nach Schelklingen bei Ulm deportiert. Sie landen als „Deutsche auf Bewährung“ in einem SS-Lager für „Wiedereindeutschungsfähige“. Nach der Befreiung heiratet Roman eine Schelklingerin und lebt seither dort.
Hier einige seiner Eindrücke:
Am 26. März berichtete ich vor ca. 80 Abiturientinnen und Abiturienten der Fachoberschule für Hotellerie und Touristik im nahe gelegenen Schweidnitz (Swidnica) über mich und meine Familie. Als ich in das Klassenzimmer kam, war für mich ergreifend, dass sich die Schüler zu meiner Begrüßung von ihren Plätzen erhoben. Denn da fiel mir meine eigene Schulzeit wieder ein, als wir Schüler den Lehrer ebenfalls auf diese Weise begrüßt hatten. Ich erzählte von geschlossenen Schulen für polnische Kinder, verbotenem Schulunterricht, von Verhaftungen und ermordeten Lehrkräften und Pfarrern, von der „Ausschaltung“ der gesamte Intelligenz, von slawischen „Untermenschen“, vom Schicksal meiner Eltern und Geschwister und von den Sorgen, die nach dem Krieg durch meine Heirat mit einer Deutschen in Schelklingen entstanden. Ich erzählte auch von Hitlers Plänen, als dieser am 22. August 1939 wenige Tage vor dem Überfall der Deutschen Wehrmacht auf Polen, vor seiner Generalität erklärte: „Geht rücksichtslos vor, wir brauchen nicht die Menschen, sondern nur das Land …“
Eine Abiturientin stellte mir die Frage, warum ich nicht nach Polen zurückgekehrt sei, nachdem ich von den Nazis so viel Unangenehmes hatte erleben müssen. Da fielen mir die letzten Worte meines Vaters

 

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