"Hitler = Krieg"
Zum Tod von Hans Gasparitsch

"Dann pinselte er in großen Buchstaben Rot Front! an den Sockel des einen Denkmals ... danach schrieb er, diesmal etwas ruhiger und klarer, Hitler = Krieg."
Es war der 14. März 1935. Dies ist die Schlüsselsteile in der Geschichte einer Stuttgarter Jugendgruppe, die in den Widerstand gegen das NS-Regime hineingewachsen war. Und es ist die Schlüsselstelle im Leben des Hans Gasparitsch, von der aus das gesamte weitere Leben geprägt war.
Hans Gasparitsch ist am 13. April 2002, kurz nach dem 84. Geburtstag, verstorben. Erwar nicht
nur zehn Jahre lang Vorsitzen- der des Trägervereins der Ulmer Gedenkstätte, er war auch über Jahrzehnte deren große, glaubwürdige Leitfigur. Die dankbare Erinnerung an ihn wird bestehen, solange es diese Gedenkstätte gibt. Die folgenden Seiten sollen dazu beitragen.
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Hans Gasparitsch bei der Gedenkfeier in der KZ -Gedenkstätte Oberer
Kuhberg, November
1995

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Portrait von Hans Gasparitsch, 1943 illegal gemalt im KZ Dachau von dem polnischen Mithäftling W. Kowalski, der in der sogenannten Malerbaracke 55-Offiziere zu malen hatte. Das Bild wurde noch im Krieg heimlich aus dem Lager geschafft und Hans' Eltern in 5tuttgart mit der Post geschickt. (Fotos 5tratmann, Lechner)
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"HitIer = Krieg": Zum Tod von Hans Gasparitsch

Hans Gasparitsch - Chronologie seines Lebens 1918 bis 2002

30. März 1918: Hans wird in Stuttgart- Stöckach geboren; der Vater Johannes stammt aus Südtirol, die Mutter Elisabeth ist Schwäbin; er bleibt ein Einzelkind.
1920: Die Familie zieht um nach Stuttgart-Ostheim, Kanonenweg 174. In diesem Arbeiterviertel wächst Hans auf. 1924: Hans kommt in die Volksschule Stuttgart-Ostheim; der Vater verliert seine Arbeit in einer Schuhfabrik.
1926: Hans wird Mitglied im Stuttgarter Arbeiter-Schwimmverein. Der Vater eröffnet eine Schusterwerkstatt in Stuttgart-Ost; die Familie kann von diesen Einkünften nicht leben. Die Mutter als Schneiderin hält die Familie über Wasser.
1930/31: Hans verbringt in der Schweiz zwei internationale Sommer-Zeltlager mit der sozialistischen "Kinderfreunde-Bewegung".
Ostern 1932: Höhepunkt der Massen- Arbeitslosigkeit. Hans bricht nach vier Jahren den Besuch der Stöckach-Realschule ab, da die Eltern das Schulgeld nicht mehr zahlen können; er beginnt eine Schriftsetzerlehre.
1932: Jugendweihe bei den Freidenkern.
30. Januar 1933: Adolf Hitler wird zum Reichskanzler ernannt. - Auch in Stuttgart-Ostheim werden ab 28. Februar Funktionäre der KPD, ab März auch der SPD, verhaftet und in "Schutzhaft" (= KZ) verschleppt.
März 1933: Im Zuge der "Machtergreifung" werden die Institutionen der sozialistischen Arbeiterbewegung und Arbeiterkultur verboten, ihr Besitz, ihre Häuser, Heime, Sportstätten beschlag- nahmt. Obgleich offiziell mit ihren Organisationen verboten, treffen sich Hans und seine Freunde weiter als Wandergruppen. Sie politisieren sich zunehmend und wachsen in den Widerstand gegen das Regime hinein.
1934: Hans und seine Freunde stellen in Stuttgart insgesamt drei illegale Flugschriften her, die das NS-System an- greifen. Die ersten beiden Nummern tragen den Titel "Junge Garde", die dritte den Titel "Komsomol", nach der Jugendorganisation der Kommunistischen Partei der Sowjetunion. Sie nennen sich nun "Gruppe G" (G = geheim); ihre Spitznamen werden Tarnnamen. Hans Gasparitsch heißt "Micha".
14. März 1935: Hans bringt gegen 21 Uhr mit roter Mennig-Farbe an der
Rossebändiger-Plastik im Stuttgarter Schlosspark Parolen gegen die Nazis an: "Rot Front!" und "Hitler = Krieg". Eine Stunde später wird er verhaftet. Er ist im dritten Lehrjahr.
März 1935 bis März 1936: Die an- schließenden wochenlangen Verhöre durch die Gestapo finden in der Stuttgarter Gestapo-Zentrale, dem "Hotel Silber', statt. Die Nächte verbringt er in U-Haft, u. a. im Gefängnis in der Büchsenstraße ("Büchsen-Schmiere"). 25. März 1936: Das Urteil gegen 19 Stuttgarter Mädchen und Jungen zwischen 14 und 26 Jahren, die wegen "Vorbereitung zum Hochverrat" angeklagt sind, wird vor dem Oberlandesgericht in Stuttgart gesprochen. Die Liste wird von dem zuerst verhafteten Hans Gasparitsch angeführt. Hans wird zu zweieinhalb Jahren Gefängnis verurteilt, von denen er, da er ein Jahr in U-Haft war, noch 18 Monate absitzen muss.

 

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Hans liest am 30. März 1933, seinem 15. Geburtstag, in der Küche der elterlichen Wohnung Remarques Antikriegs-Roman "'m Westen nichts Neues" (A-DZOK,R1/140-992)

 

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30. März 1936: Hans wird ins Landesgefängnis Ulm (Einzelzelle) in der Thalfinger Straße gebracht. Am 26. Oktober 1937 sollte er entlassen werden, doch die Gestapo schickt ihn in "Schutzhaft", bis 15. November ins Konzentrationslager Welzheim.
15. November 1937: Hans wird ins KZ Dachau "verschubt". Er arbeitet zu- nächst im Straßenbau, dann bei einer Kolonne, die die Wachtürme putzt, dann in der Schneiderei, schließlich als Lagerschreiber. Die Solidarität der anderen politischen Gefangenen si- chert sein Überleben.
27. September 1939 - 2. März 1940: Da das KZ Dachau mit Kriegsbeginn Truppenübungsplatz für die SS-Verbände wird, wird es samt allen Gefangenen verlagert, Hans kommt ins KZ Flossenbürg in der Oberpfalz.
18. Juli 1944: Aufgrund einer Denunziation wird Hans aus dem KZ Dachau in ein Todeskommando im Steinbruch des KZ Buchenwald bei Weimar verschubt. Er kommt dank der Solidarität der politischen Häftlinge ins lebensrettende "Kommando Effektenkammer", das der Stuttgarter Willi Bleicher führt.
11. April 1945: Befreiung des KZ Buchenwald mit Hilfe der bewaffneten illegalen Häftlings-Kampfkomitees.
Mai 1945: Hans kehrt nach Stuttgart zurück.
1945 - 1948: Erste Beschäftigung bei der amerikanischen Militärverwaltung als "Investigator" in der Entnazifizierungs-Abteilung.
23. November 1946: Hochzeit mit Lilly, geb. Frank, von Beruf Kindergärtnerin. Am 21.5.1947 wird die Tochter Sigrid, am 2. Februar 1954 die Tochter Lilo geboren.
1949/50: Abitur an der "Arbeiter- und Bauernfakultät" in Jena.
1950 - 1953: Studium der Publizistik an der Universität Leipzig.
1953 - 1956: Redakteur bei der Stuttgarter "Volksstimme", dem Organ der KPD.
17. August 1956: Verbot der KPD in der Bundesrepublik. Hans verliert sei- ne Arbeit als Journalist.
1960 - 1967: Fernstudium mit Abschluss zum Hochbau-Ingenieur.
1967 - 1980: Berufstätigkeit als Bauingenieur; 1980 Pensionierung.
April 1982 - Sommer 1992: Als Nachfolger von Julius Schätzle ist Hans Gasparitsch 1. Vorsitzender des Vereins "Dokumentationszentrum Oberer Kuhberg", danach wird er Ehrenvorsitzender. Außerdem war er Gründungsmitglied der VVN und jahrzehntelang aktiv in den Lagergemeinschaften der KZ Dachau und Buchenwald.
1980 - 2000: Führungen durch die Ulmer KZ-Gedenkstätte, Lesungen in Schulklassen aus seinem Buch "Hanna, Kolka ..." und antifaschistische Stadtrundfahrten in Stuttgart - insgesamt einige hundert.
26. Mai 2000: Verleihung des "Bundesverdienstkreuzes 1. Klasse".
13. April 2002: Hans Gasparitsch stirbt in seinem Stuttgarter Haus, gepflegt und begleitet von Lilly, seiner Frau.

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"Gedenkstätten dürfen nicht zu toten Museen austrocknen"

Ein Werk von Hans Gasparitsch: Die "Mitteilungen" des DZOK

1983, zur damals schon Tradition gewordenen Gedenkfeier am "Volkstrauertag" und 50 Jahre nach der Einrichtung des Württembergischen Landes-KZ im Ulmer Fort Oberer Kuhberg, erschien die erste Nummer der "Mitteilungen" des Dokumentationszentrums. Hans Gasparitsch, der gelernte Journalist, war im Auftrag des Trägervereins ihr Redakteur und er blieb es 18 Hefte lang bis 1992 als dann der erste Hauptamtliche, Silvester Lechner, die Redaktion übernahm. Hier einige Zitate aus Gasparitschs letztem Beitrag für die Mitteilungen (Nr. 27, Juni 1997) mit dem Titel "Gedenkstätten im Konflikt der Zeit".
"Gedenkstätten dürfen nicht zu toten Museen austrocknen... Sie müssen durch eine ausreichende Finanzierung und qualifiziertes Personal nach den neuesten historischen und pädagogischen Erkenntnissen fortentwickelt werden.
Erinnerung muss ein selbstverständlicher Bestandteil alltäglicher politischer Kultur dieses Landes sein
... Gedenkstätten dürfen nicht nur Kultort und Stätte der Betroffenheit sein, von ihnen müssen vielmehr Impulse zur Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Problemen ausgehen...
Es darf kein Schlussstrich unter die Geschichte gezogen werden, denn gerade bei der jungen Generation kann Erinnerung nur über Wissen der Tatsachen funktionieren."

Foto oben: Hans Gasparitsch Ende April 1945, unmittelbar vor der Heimkehr nach Stuttgart aus dem KZ Buchenwald. (A- DZOK,R1/603-2686)
Foto Mitte: Bei vielen Anlässen trat
Gasparitsch (Mitte) in KZ-Häftlingskleidung auf; hier bei einer Demonstration in Stuttgart
gegen die "Berufsverbote", Dezember
1975. (Arbeiterfotografie Stuttgart, A-DZOK, Bestand Gasp. 5/02)
Foto unten: Hans Gasparitsch im Gespräch mit einer Besucherin anlässlich der Neuer- öffnung der Ulmer Gedenkstätte am 30. Juni 2001. Dies war sein letzter Besuch. (Foto Siegi, A-DZOK, 11 A, Eröffnung 2001)

 

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Literatur, Medien, Nachlass zu Hans Gasparitsch

Burkhardt, Bernd,
Jugend im Widerstand - die Stuttgarter Gruppe
G, Hitler = Krieg; in: Karlheinz Fuchs (Hg.), Ausstellungsreihe Stuttgart im Dritten Reich. Anpassung, Widerstand, Verfolgung. Die Jahre von 1933 bis 1939, Stuttgart 1984; S. 379 - 387.

Silvester Lechner,
Roland Barth,
"... ich bin ja jetzt der Letzte ..."
Arbeiterkultur - Jugendwiderstand - Konzentrationslager
Hans Gasparitsch, geboren 1918, erzählt
VHS, 40 min., Ulm 1999 (25 €)
Die Dokumentation wurde vor Gasparitschs 80. Geburtstag, im März 1998 in seiner Wohnung aufgenommen. Der Film ist mit einer ausführlichen Begleitbroschüre versehen und über das DZOK zu bestellen.

Gasparitsch, Hans,
Aus meinen Schubladen gekramt, 1918 - 1988, Broschüre im Selbstverlag, Stuttgart 1988

Kaspar, Fritz,
Hanna, Kolka, Ast und Andere.
Stuttgarter Jugend gegen Hitler, Tübingen (Silberburg) 1994.
Autobiographisches Schlüssel- werk zu Hans Gasparitsch und seinen Freunden. Das Buch war als Manuskript von vier überlebenden Freunden der Gruppe G, nämlich Fritz Brütsch, Franz Franz, Albert Kapr und Hans Gasparitsch 1946 geschrieben worden, und 1960 im DDR-Verlag Neues Leben unter dem Pseudonym Fritz Kaspar und dem Titel "Die Schicksale der Gruppe G" erstmals erschienen.1985 kam davon ein Reprint durch die VVN in Stuttgart heraus.

Medienwerkstatt Stuttgart-Neugereut,
Micha
VideoNHS, 30 min.,
Stuttgart 1995 (Film einer Schulklasse über Hans Gasparitsch)

Der Nachlass von Hans Gasparitsch liegt seit dem Jahr 2000 im Stadtarchiv Stuttgart.

 

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