Dokumentationszentrum Oberer Kuhberg

Haftgründe

Unmittelbar nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten im Januar 1933 begann die brutale Verfolgung politisch und weltanschaulich Andersdenkender. Die juristische Grundlage hierzu bildete die „Reichstagsbrandverordnung“ vom 28. Februar 1933, die den Staatsnotstand ausrief und elementare Grundrechte außer Kraft setzte.

Auf der Grundlage der „Reichstagsbrandverordnung“ konnten Kommunisten, Sozialdemokraten, Gewerkschafter und andere echte oder vermeintliche Gegner des Regimes präventiv verhaftet und auf unbestimmte Zeit in frühe nationalsozialistische Konzentrationslager wie das erste Württembergische Landes-KZ Heuberg bei Stetten am Kalten Markt eingewiesen werden. Ca. 300 Häftlinge dieses KZ wurden im November/Dezember 1933 in das Nachfolgelager Oberer Kuhberg am Ulmer Stadtrand gebracht. Die Inhaftierung in einem „Schutzhaft-“ bzw. Konzentrationslager wurde weder von einem Gericht überprüft noch war sie zeitlich befristet. Sie stellte damit ein zentrales Terrorinstrument dar.

Wie in anderen frühen KZ war auch am Kuhberg nicht an eine dauerhafte Inhaftierung der Häftlinge gedacht. Typisch war vielmehr ein stetiger Fluss von Häftlingen in und aus dem Lager, um die Bevölkerung abzuschrecken und die eigenen Anhänger zu beeindrucken. Diesem Zweck diente auch die Berichterstattung, worin der Kuhberg als „Umerziehungsort“ mit strenger, aber gerechter Behandlung inszeniert wurde. Angesichts der stetig sinkenden Häftlingszahlen wurde in der Öffentlichkeit das Bild der fortlaufenden „politischen Befriedung“ Württembergs und der Einsicht der „Verführten“ erweckt.

Politische Gründe

Die politisch Verfolgten bildeten die mit Abstand größte Haftgruppe am Oberen Kuhberg. Der aktuelle Recherchestand lässt vermuten, dass Kommunisten mehr als die Hälfte der Häftlinge, Sozialdemokraten etwa ein Viertel ausmachten. Viele Inhaftierte, insbesondere die ehemaligen Heuberghäftlinge, galten aus Sicht des Regimes als „politisch Unbelehrbare“. Der kommunistische Landtagsabgeordnete Alfred Haag aus Schwäbisch-Gmünd und der sozialdemokratische Reichstagsabgeordnete Kurt Schumacher sind dafür zwei prominente Beispiele.

Diejenigen, die ab 1934 in das KZ Kuhberg eingeliefert wurden, waren meist auf Grund ihrer fortgesetzten Tätigkeit für die verbotenen Arbeiterparteien und -organisationen wie der Roten Hilfe oder dem Kampfbund gegen den Faschismus inhaftiert worden. Ihnen wurde „Vorbereitung zum Hochverrat“ vorgeworfen. Auch kritische Äußerungen gegen das Regime konnten zur Inhaftierung führen. Einige Häftlinge, die aus politischen Gründen zu einer Gefängnisstrafe verurteilt worden waren, wurden nach Verbüßung der Haft nicht freigelassen, sondern ohne Angabe von Gründen zum Kuhberg verschleppt.

Konfessionelle Gründe

Ein Novum bedeutete es, als im Januar 1934 die drei katholischen Pfarrer Alois Dangelmaier, Josef Sturm und Josef Leissle, die öffentlich die NS-Machthaber kritisiert hatten, in das KZ Oberer Kuhberg eingeliefert wurden. Diese Drohgebärde an die katholische Kirche und alle potenziellen religiös motivierten Gegner wurde reichsweit in den Medien kommuniziert. Zuvor hatte sich die Württembergische Politische Polizei über den regimekritischen Rottenburger Bischof Joannes Baptista Sproll beschwert.

Zentraler Vorwurf war, dass sich im Reichskonkordat von Juli 1933 zwar Staat und Kirche über ihre „zuständigen Aufgabengebiete geeinigt“ hätten, nun aber „untergeordnete Angehörige des katholischen Klerus“ dieser Vereinbarung zuwiderhandelten. Diese kleine Häftlingsgruppe hatte eine große politische Außenwirkung.

Soziale Kontrolle

Im KZ Oberer Kuhberg waren außerdem Menschen inhaftiert, die aus sozialen Gründen verfolgt wurden. Sie wurden vielfach als „arbeitsscheu“ oder „asozial“ von Mitbürger/innen denunziert. Zu dieser Gruppe gehörten u.a. Hausierer, Künstler, Wohnsitz- und Arbeitslose, entlassene Strafgefangene oder psychisch Kranke, aber auch Menschen, die sich aus innerer Überzeugung nicht in das Konzept der „Volksgemeinschaft“ integrieren wollten.

Diese heterogene Gruppe verweist bereits auf die Entwicklung des KZ-Systems, denn nach der weitgehenden Ausschaltung der politischen Opposition und der Ausweitung des SS-Konzentrationslagersystems wurden die KZ zunehmend zu einem Instrument der radikalisierten NS-Rassenpolitik. So wurde z. B. am 9. Februar 1935 in der Presse gemeldet, dass ein „Unterstützungsempfänger“, der sein Geld in „zweifelhafter Gesellschaft“ durchgebracht habe, ins KZ Oberer Kuhberg eingeliefert worden sei.

Sonstiges

Einige Häftlinge sind keiner der obigen Gruppen zuzuordnen. Nur in einzelnen Fällen sind die genauen Hintergründe bekannt, zum Beispiel bei dem NSDAP-Mitglied Erwin Reutter, der in Konflikt mit seiner Partei geraten war, oder dem Stuttgarter Steuerberater Heinrich Schlotterbeck, der einen Prozess gegen den Reichsstatthalter von Württemberg Wilhelm Murr gewonnen hatte.

Der Prediger Johannes Heinzelmann gehörte einer freikirchlich-evangelischen Gruppe aus Leutkirch an und verweigerte den „Deutschen Gruß“. Bei seiner Verhaftung spielte auch eine Rolle, dass sich die örtliche Hitlerjugend das christliche Erholungsheim des Predigers aneignen wollte. So waren materielle und persönliche Interessen der NSDAP oder eines ihrer Mitglieder auch ein Motiv für die Verhängung von „Schutzhaft“.