Ausgabe Ulm/Neu-Ulm vom 11. Juni 2014

Pilotprojekt erschließt Dokumente aus der NS-Zeit

Immer wieder trudeln sie ein, die Nachlässe Ulmer Bürger, die Aufschluss geben über das dunkle Kapitel der NS-Zeit. Über ein Pilotprojekt werden die Briefe, Fotos und Pässe für Schüler benutzbar gemacht.

RUDI KÜBLER | 11.06.2014

Eingabe folgte auf Eingabe: Wilhelm Ziegler, Leiter der NSDAP-Ortsgruppe Kuhberg, gab keine Ruhe, bis er vom Hauptschuldigen zum Belasteten und schließlich zum Mitläufer herabgestuft wurde. In seinen Briefen wurde aber deutlich, dass er, der später beim Werkschutz von Telefunken arbeitete, immer noch dem NS-Gedankengut nachhing. Foto: Lars Schwerdtfeger

Ulrike Holdt: Die Historikerin und Archivarin macht Dokumente zugänglich. Foto: Privat

Er war NSDAP-Mitglied seit 1932, Polizeiinspektor, Leiter der NSDAP-Ortsgruppe Ulm-Kuhberg und einer der Hauptbeteiligten in der Reichspogromnacht: Damals, in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938, hatte Wilhelm Ziegler gemeinsam mit mehreren SA-Leuten die aus ihren Betten geholten Ulmer Juden aufs Übelste misshandelt. Sie geschlagen, getreten und durch den Brunnen auf dem Weinhof getrieben. Dass er nach 1945 als Hauptschuldiger eingestuft und zu vier Jahren Arbeitslager und einer Geldstrafe verurteilt wurde, konnte und wollte Ziegler (1893-1965) nie verstehen. Über Eingaben, Gnadengesuche und Briefe versuchte er, sich nach der Haft zu rehabilitieren - was ihm denn auch gelang: Zunächst wurde er als "Belasteter", dann sogar nur noch als "Mitläufer" eingestuft. Ein Unding, vor allem wegen seiner Verteidigungsschrift aus dem Jahr 1946, in der er sich als "selbstlosen Idealisten mit glühender Vaterlandsliebe" und Opfer der Nachkriegsjustiz stilisierte.

Zieglers Geschichte wäre nie bekannt geworden, wenn nicht dessen Nachlass beim Dokumentationszentrum Oberer Kuhberg (DZOK) gelandet wäre. Dank des Großneffen, der Briefe, Fotos, Wehrpässe und Personalausweise, Skizzen und Gedichte seines Großonkels als Gesamtpaket übergeben hat. Für das DZOK sind Nachlässe Ulmer Bürger aus dieser Zeit von großer Bedeutung. Die Biografien der Ulmer KZ-Häftlinge sind dokumentiert, die Geschichte des KZ Oberer Kuhberg großteils aufgearbeitet, sagt die DZOK-Leiterin Dr. Nicola Wenge. "Aber solche Nachlässe erweitern unsere Sammlung zur NS-Zeit um eine wichtige Perspektive: die der Mitläufer und Täter." Interessant seien diese Materialien auch deshalb, weil sich im Persönlichen, in Briefen oder Fotoalben, die NS-Zeit widerspiegele.

Wie sich ein Bild verdichten kann, zeigt exemplarisch auch der Nachlass der Familie Mann-Serkey. "In 250 Briefen lassen sich die schwere Zeit der Trennung, die Herausforderungen der Auswanderung und die schlimmen Erfahrungen der in Deutschland Zurückgebliebenen dokumentieren", berichtet Ulrike Holdt. Sie, die wissenschaftliche Archivarin des DZOK, hat in den vergangenen zweieinhalb Jahren Nachlässe gesichtet, inhaltlich erschlossen, dokumentiert und archiviert. Nachlässe, die jüngst erst dem DZOK übergeben wurden oder dort schon seit Jahren liegen, weil die Archiv-Stelle bis Anfang 2012 verwaist war.

Möglich geworden ist diese Aufarbeitung über ein Archiv-Projekt mit dem Titel "Quellen und Dokumente sichern. Ein Modell-Archivprojekt für bürgerschaftlich getragene KZ-Gedenkstätten", für das das DZOK den Zuschlag erhalten hat. Ziel des Projekts ist, all die Materialien nicht nur professionell zu erschließen und der Öffentlichkeit zugänglich zu machen, sondern die Archivarbeit so umzusetzen, dass sie von ehrenamtlich tätigen Bürgern geleistet werden kann. Welche Relevanz dem Pilotprojekt, das über drei Jahre läuft, zukommt, zeigt sich beim Blick auf die Geldgeber: Ein Teil - 20 000 Euro pro Jahr - stammt aus Mitteln der Bundesgedenkstättenförderung, die ansonsten nur Institutionen wie Dachau oder Buchenwald fördert, erklärt Sibylle Thelen, die bei der Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg unter anderem zuständig ist für die Gedenkstättenarbeit. Das Projekt habe Modellcharakter, "andere Gedenkstätten, kleinere, die keine hauptamtlichen Kräfte haben, sollen von den Erfahrungen des Ulmer Projekts profitieren".

Welch "kostbares Kapital hauptamtliche Mitarbeiter" (Thelen) sind, zeigt gerade das Beispiel Holdt. Die Historikerin und Archivarin hat eine neue Archivdatenbank eingerichtet, die einen schnellen Zugriff auf alle Arten an Dokumenten ermöglicht. Mit Hilfe ehrenamtlicher Kräfte wurde der gesamte Fotobestand - das sind immerhin rund 5000 Bilder - digitalisiert. "Vier, fünf Leute arbeiten im Team, kommen an einem Vormittag vorbei, um Fotos oder Briefe einzuscannen", erklärt Holdt. Teilweise werden die Archivalien auch transkribiert, so unter anderem die Briefe der Familie Mann-Serkey, "weil immer weniger Benutzer die alten Handschriften lesen können. Schüler schreckt das oft ab." Aber genau um sie geht es ja, sprich: Die Voraussetzung für die pädagogische Vermittlungsarbeit ist ein Archiv, das die Materialien professionell erschließt. Oder um es mit den Worten der DZOK-Leiterin zu sagen: "Das Archiv ist das Rückgrat der Pädagogik." Insofern hofft Dr. Wenge, dass die Archivarin dem DZOK auch über die Projektzeit von drei Jahren erhalten bleibt.

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