Ausgabe Ulm/Neu-Ulm vom 23. Januar 2014

Zwangsarbeiter in der Region: Ausgebeutet und schikaniert

Rund 16 500 Zwangsarbeiter mussten teilweise unter menschenunwürdigen Umständen zwischen 1939 und 1945 in Ulm und Neu-Ulm arbeiten. Ihnen ist der Gedenktag zum 27. Januar im Stadthaus gewidmet.

Autor: RUDI KÜBLER | 23.01.2014

Zwangsarbeiter


3000 Zwangsarbeiter standen zwischen 1939 und 1945 allein bei Magirus an den Maschinen und Werkbänken.

Zwangsarbeiter2


Untergebracht waren sie, deren Zahl auf insgesamt 16 500 in der Region Ulm/Neu-Ulm beziffert wird, unter anderem in Baracken auf der Gänswiese - hinter Stacheldraht und unter strenger Bewachung. Foto: Magirus/Dokumentationszentrum

Frau S. behandelte mich sehr
schlecht. Ich arbeitete von früh bis
spät und bekam fast nichts zu
essen. Außerdem schlug sie mich
ins Gesicht. Sie hat mich getreten
und beschimpfte mich als
polnisches Schwein . . .

Die Arbeit dauerte zwölf Stunden
mit einer Mittagspause . . . Die
Ernährung war sehr schlecht.
Jeden dritten Tag bekamen wir
900 Gramm Brot, ein bißchen
Margarine und Marmelade. Als
Mittagessen erhielten wir Suppe
aus Rüben, zum Trinken schwar-
zen Kaffee ohne Zucker . .

Was Stefania Jenek und Zygmunt Gawrysczak in Ulm erlebt und Jahrzehnte später im Band "Schönes, schreckliches Ulm" erzählt haben, sind wahrlich keine Einzelfälle. Viele der Zwangsarbeiter, die zwischen 1939 und 1945 nach Deutschland verschleppt worden waren - man geht von insgesamt 13 Millionen Männern, Frauen und Kindern aus ganz Europa aus -, wurden beschimpft und schikaniert. Hinter Stacheldraht gehalten wie Tiere. Unter menschenunwürdigen Verhältnissen in Baracken gepfercht. Am Roten Berg beispielsweise war extra ein Lager für 2300 Zwangsarbeiter eingerichtet worden, drunten auf der Gänswiese hausten weitere 1000 in ehemaligen Reichsarbeitsdienstbaracken. "Knapp zwei Quadratmeter standen jedem zur Verfügung", sagt Ulrich Seemüller. Im Winter setzte den Menschen die Kälte zu, im Sommer die Hitze. Die Verlausungsquote war hoch, das Fleckfieber grassierte. An manchen Tagen flüchteten bis zu 40 Zwangsarbeiter, "das sagt einiges über die katastrophalen Bedingungen aus. Die Versorgung war unter aller Kanone", ergänzt der stellvertretende Leiter des Ulmer Stadtarchivs.

Kurz nach dem Überfall auf Polen kamen die ersten Kriegsgefangenen nach Ulm, sie wurden hauptsächlich in der Landwirtschaft eingesetzt. Im März 1940 wurden weitere Kriegsgefangene - sie stellten anfangs den Hauptteil an Zwangsarbeitern - in die Region verschleppt. Mit dem Ziel, die deutsche Kriegswirtschaft am Laufen zu halten. Schließlich hatten Magirus, Kässbohrer, Telefunken oder Wieland in Ulm, die Reichsbahn, Möbel Mayer oder Trucksäß in Neu-Ulm im weiteren Verlauf des Krieges viele ihrer Mitarbeiter verloren; sie waren zur Wehrmacht eingezogen worden. Nach der Sommeroffensive 1942 war der Bedarf an Arbeitern enorm, vor allem Ukrainer schlossen die Lücken an den Werkbänken.

Aber nicht nur die großen Betriebe profitierten von den Zwangsarbeitern, sie mussten im Handwerk arbeiten, selbst in der Gastronomie und in Privathaushalten, wie das Beispiel Stefania Jenek zeigt. "Der Rassismus erstreckte sich über die gesamte Gesellschaft. Viele Deutsche haben das Unrecht, das diesen Menschen angetan wurde, gar nicht gesehen", sagt Dr. Nicola Wenge, Leiterin des Dokumentationszentrums Oberer Kuhberg.

Von rund 16 500 Kriegsgefangenen und zivilen Zwangsarbeitern in der Region geht Seemüller mittlerweile aus, allein bei Magirus waren 3000, bei der Reichsbahn 1800, bei Telefunken 1500 und bei Wieland 1400 beschäftigt. Zu Hungerlöhnen. Und zu Bedingungen, die menschenverachtend waren. "Zwölf-Stunden-Tage waren eher die Ausnahme", so Seemüller, der nicht verhehlt, dass es durchaus auch menschliche Gesten gegenüber den Zwangsarbeitern gegeben hatte. Ausbeutung, Schikane und Misshandlungen aber waren die Regel.

Viele Zwangsarbeiter erlitten nicht nur Unrecht durch die Nationalsozialisten, sondern später auch nach ihrer Repatriierung auch durch die Sowjetführung. Der Vorwurf der Kollaboration mit den Deutschen brachte sie nach Sibirien.

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