Ausgabe Ulm/Neu-Ulm vom 14. November 2013

DZOK-Vorsitzender Trägner im Interview: "Grundwerte dauerhaft vermitteln"

Die Gedenkstunde für die Opfer des Nationalsozialismus am Totensonntag hat Tradition. Für Dr. Werner Trägner ist es die erste Feier: Der Jurist wurde im Juli zum Vorsitzenden des DZOK-Fördervereins gewählt.

Autor: RUDI KÜBLER | 14.11.2013.

Wie sagte Dr. Werner Trägner beim Interview-Termin? "Ich gehe mit Zuversicht getragen durchs Leben." Seit Juli dieses Jahres ist der 51-Jährige Vorsitzender des Vereins Dokumentationszentrum Oberer Kuhberg. Foto: Volkmar Könneke

Was hat Sie motiviert, Vorsitzender des Vereins Dokumentationszentrum Oberer Kuhberg zu werden?
WERNER TRÄGNER: Ich kannte das DZOK schon vorher, ich arbeite als Richter ja ums Eck. Und es gab immer wieder Berührungspunkte. Der eigentliche Impuls kam freilich aus dem Vorstand. Weil ich zwar neugierig, aber kein Abenteurer bin, habe ich mir den Verein und seine ehren- und hauptamtlichen Mitarbeiter näher angeschaut, ich war bei Sitzungen und Veranstaltungen dabei, habe mit Angehörigen von Opfern des Nationalsozialismus gesprochen . . .

. . . und es passte alles?
TRÄGNER: Ja. Auch thematisch natürlich. Als Richter habe ich täglich mit Recht und Gerechtigkeit zu tun, eine ähnliche Aufgabe hat das DZOK: die Idee der Gerechtigkeit in die Gesellschaft zu tragen. Wir schleppen eine Geschichte mit uns herum, aus der wir unsere Lehren gezogen haben und immer noch ziehen. Gewisse Dinge dürfen nicht mehr passieren; dafür ist es wichtig, rechtsstaatliche Strukturen aufrechtzuerhalten.

Sie waren als Referendar Ende der 80er Jahre am Landgericht Ulm. Damals galten das DZOK, seine Mitarbeiter und Unterstützer in weiten Teilen der Bevölkerung als Nestbeschmutzer - nach dem Motto: In Ulm gab es nie ein KZ. Ist Ihnen aus dieser Zeit das DZOK in Erinnerung?
TRÄGNER: Nein, ich kann mich da an nichts Konkretes erinnern. Ich weiß nur aus Erzählungen, dass das DZOK jenseits der Mitte der Gesellschaft gestellt wurde . . .

. . . gutes Stichwort: Mittlerweile ist das DZOK in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Was bleibt da noch zu tun?
TRÄGNER: Dass mittlerweile alle Fraktionen des Ulmer Gemeinderats die Arbeit des DZOK anerkennen und unterstützen, dafür sind wir dankbar. Apropos Mitte der Gesellschaft: Wenn jetzt sogar schon ein Beamter den Vorsitz führt, wo soll das enden? Aber im Ernst, es bleibt immer noch viel zu tun. Oder um Ernst Bloch zu zitieren: "Geschichte wiederholt sich nicht; doch wo etwas nicht Geschichte wurde und Geschichte nicht gemacht hat, wiederholt es sich durchaus." Soll heißen: Wir sind verpflichtet, uns permanent mit dem Thema Nationalsozialismus zu beschäftigen - gerade in Bezug auf die Gegenwart. Was passiert, wenn nicht-demokratisches und rassistisches Gedankengut um sich greift, erleben wir doch gerade. Stichworte: NSU-Prozess in München, Aufmarsch der rechten Szene in Göppingen oder am 1. Mai 2009 in Ulm. Da wird die Bedeutung politischer Bildungsarbeit deutlich, es geht darum, demokratische Grundwerte frühzeitig und dauerhaft für die Gesellschaft zu vermitteln. Die Jugendarbeit ist mir ein wichtiges Anliegen, da können wir nicht genug Energie investieren.

Wie steht das DZOK denn finanziell da? In der Vergangenheit fehlte es immer wieder an Geld und deshalb auch an Stellen . . .
TRÄGNER: . . . wir hängen an verschiedenen Tröpfen. Wir beziehen Geld aus Drittmittelprojekten, vom Land und von der Stadt, nicht zuletzt spenden Bürger. Damit müssen wir nicht nur vier hauptamtliche Mitarbeiter auf 2,25 Stellen finanzieren. Im kommenden Jahr stehen wir finanziell noch auf sicheren Beinen, aber wir sind nicht satt und zufrieden unterwegs, denn ein Polster fehlt. Um die politische Bildungsarbeit zu verstetigen, benötigen wir mehr Geld und mehr Stellen. Wir müssen uns, den professionellen Kern des Dokumentationszentrums, vergrößern, bei über 10 000 Besuchern pro Jahr allein in der Gedenkstätte - ein Großteil sind Schüler - stoßen wir einfach an pädagogische Grenzen.

Es geht aber nicht nur um die pädagogische Seite?
TRÄGNER: Die Dokumentation selbst ist unabdingbar. Wir erhalten Nachlässe, oft Schuhkartons voller Briefe, das muss alles erfasst und aufbereitet werden. Das können ehrenamtliche Mitarbeiter nicht leisten; sie arbeiten zwar viele alltägliche Dinge ab, für die Dokumentation brauchen wir zweifellos eine hauptamtliche Kraft. Und dass die Geld kostet, ist klar; aber die Dokumentation ist unser Rückgrat. Nachlässe sind deshalb so wichtig, weil sie die Stimmung im Volk wiedergeben - ein Thema, das bei der Betrachtung der Ulmer NS-Zeit noch zu kurz kommt. Zudem muss das aus den 80er Jahren stammende Buch über das KZ Oberer Kuhberg neu bearbeitet werden, gerade auch im Hinblick auf die neue Quellenlage.

Was steht in den kommenden Monaten an?
TRÄGNER: Wir werden darüber nachdenken, wie wir uns künftig nach außen präsentieren - ob auch über solche Plattformen wie Facebook, um gerade junge Menschen zu erreichen. Die Landeszentrale für politische Bildung ist dort auch vertreten. Warum sollen wir uns damit nicht auseinandersetzen? Wir stehen ja für Offenheit und Toleranz. Allerdings benötigen wir für die Entscheidung über einen solchen Auftritt professionellen Rat.

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