Ausgabe Ulm/Neu-Ulm vom 28. Februar 2012

Erwin Rommel - als Gegenstand der Historiker. Über den Mythos Rommel diskutierten im Theater-Foyer (von links): Dr. Nicola Wenge vom Dokumentationszentrum Oberer Kuhberg, der Heidenheimer Historiker Dr. Wolfgang Proske, Dr. Cornelia Hecht vom Haus der Geschichte Stuttgart und der Filmemacher und Buchautor Maurice Philip Remy. Foto: Volkmar Könneke

Denkmal des Anstoßes

Denkanstöße möchte das Theater Ulm mit dem Schauspiel "Rommel - ein deutscher General" geben. Das gelingt. Jetzt verhandelten im Theaterfoyer Historiker in einer Podiumsdiskussion den Mythos Rommel.

JÜRGEN KANOLD

"Kein Denkmal mehr für den Nazigeneral!", fordern Bürger in Heidenheim, dem Geburtsort des Feldmarschalls. Dort tobt seit geraumer Zeit ein Streit über einen Gedenkort, den die Veteranen des deutschen Afrika-Korps 1961 "ihrem Wüstenfuchs" errichteten - auch mit einer Spende von 20 000 Mark des Landes Baden-Württemberg.

Die einen, und zu ihnen gehört der Heidenheimer Historiker Wolfgang Proske, finden es unerträglich, dass ein "NS-Täter" wie Rommel noch heute verklärt wird, und wollen das Denkmal abreißen. Für andere ist Rommel der "saubere Soldat", der sich am Ende gegen Hitler auflehnte und dafür sterben musste. Wieder andere, und dazu gehört Cornelia Hecht vom Stuttgarter Haus der Geschichte, sehen Mensch und Mythos Rommel kritisch, plädieren aber für den Erhalt der Erinnerungsstätte als einen "Stein des Anstoßes".

Rommel und kein Ende. "Rommel sells", konstatiert Cornelia Hecht, die mit ihrer Rommel-Ausstellung vor drei Jahren in Stuttgart einen Besucherrekord aufstellte. Und auch die Podiumsdiskussion am Sonntagabend im Theater-Foyer war stark besucht. Nicht zuletzt von vielen Heidenheimern.

Michael Sommer, der mit Stephan Suschke das Schauspiel "Rommel - ein deutscher General" für das Theater Ulm schrieb, hat Begleitveranstaltungen zur Uraufführung organisiert. Und dieser von Nicola Wenge vom Dokumentationszentrum Oberer Kuhberg sehr fundiert moderierte und gut strukturierte Abend, an dem neben Proske und Hecht auch der eloquent erzählende Buchautor Maurice Philip Remy ("Mythos Rommel") teilnahm, geriet zu einer spannenden Geschichtsstunde.

Aufschlussreich, wie das Psychogramm des Karrieristen Rommel gezeichnet wurde. Dieser sah als Berufssoldat nach der Machtergreifung der Nazis die Chance, endlich aufzusteigen. Er verfiel kritiklos der Faszination des "Führers", war einer der wenigen Generäle, die ihre Hand zum Hitlergruß erhoben. War Rommel ein Nazi? Ja, sagte Proske: "Alles, was er für gut hält, ist nationalsozialistisch." Nein, sagte Cornelia Hecht: "Der Antisemitismus war für ihn ein Nebenaspekt, das hat er ausgeklammert."

Was machte Rommel für die Nazis so attraktiv? Remy erklärte das Phänomen anschaulich: Afrika sei für Hitler eigentlich "Peanuts" gewesen, eine militärisch lästige Front, nur der Russlandfeldzug zählte. Aber als der Krieg im Osten nicht mehr zu gewinnen war, baute die Nazi-Propaganda Rommel auf und benebelte das Volk "mit ein wenig Mohn aus Afrika". Rommel lenkte davon ab, dass in Osteuropa ein Vernichtungskrieg geführt wurde. Er diente als Idol, weil er, so Hecht, "ein Soldat zum Anfassen war". Man identifizierte ihn als "volksnahen, guten Nazi". Aber was geschah wirklich in Afrika? Wolfgang Proske wies darauf hin, dass die von Rommel verlorene Schlacht von El Alamein ein Hoffnungssymbol für die Juden in Palästina wurde. Wie "sauber" war Feldherr Rommel? Proske sah Flecken, Remy dagegen: "Wo er konnte, war er deutlich einen Schritt hinter den Kollegen der Ostfront. Das ist mein Gefühl."

Beim Stauffenberg-Attentat am 20. Juli 1944 lag Rommel handlungsunfähig im Koma. "Wir können davon ausgehen, dass er sich nicht dem Widerstand angeschlossen hätte", vermutete Proske. Doch Remy widersprach: Rommel sei zwar eine Säule eines verbrecherischen Systems gewesen, aber es gebe 30 Quellen, die besagten, dass Rommel nach der Invasion 1944 zum Widerstand gehört habe - "zum Helden macht ihn das allerdings nicht". So wurde im Theater-Foyer kontrovers interpretiert, wobei Cornelia Hecht eine typisch "deutsche Verkrampfung" in der Bewertung von Menschen wie Rommel feststellte: Mit Schwarzweiß-Malerei sei "grauen" Charakteren nicht beizukommen.

Dann meldete sich ein Heidenheimer aus dem Publikum, Manfred Maier vom Georg-Elser-Arbeitskreis, und beklagte, dass einen Abend lang diskutiert worden sei, ob und wann der so gut als Soldat funktionierende Rommel zum Widerstand gestoßen sei, aber Georg Elser, der 1939 tatsächlich einen Anschlag auf Hitler verübte, um den Krieg zu verhindern, werde vergessen. Ein wichtiges Denk-Mal nach einem interessanten Podium.

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