Ausgabe Ulm/Neu-Ulm vom 16. Juni 2007

GESCHICHTE / Familie Vidal und der Widerstand

Indirekte Verbindung zur Weißen Rose

Konstantin Vidal und seine Familie haben Widerständler gegen das Nazi-Regime unterstützt. Auf dem Dachboden ihres Hauses wurden Flugblätter gedruckt.

VERENA SCHÜHLY

ELCHINGEN

Neben der Weißen Rose von Hans und Sophie Scholl gab es eine Gruppe Schüler, die in Ulm Widerstand gegen das Hitler-Regime leisteten. Kern der Gruppe waren einige Schüler der Abitur-Klasse des humanistischen Gymnasiums Ulm im Schuljahr 1942/43. In die Klasse ging auch Josef Vidal, der älteste Sohn des Oberelchinger Bürgermeisters Konstantin Vidal. Die Aktivitäten der "Widerstandsklasse", wie sie Dr. Silvester Lechner, Leiter des Ulmer Dokumentationszentrums Oberer Kuhberg, nennt, sind beschrieben im Buch "Dagegen". Darin hält der 1924 in Ulm geborene Heinz Brenner seine Erinnerungen fest. "Unterstützt von älteren, liberalen Lehrern haben sich die Schüler kritisch mit dem Hitler-Regime und dessen Repräsentanten an der Schule auseinandergesetzt", sagt Lechner zur Motivation der jungen Männer. Einen direkten Kontakt zur Weißen Rose hatte nur Hans Hirzel, Sohn des Pfarrers an der Ulmer Martin-Luther-Kirche. Seine Schwester Suse war mit Sophie Scholl befreundet und half ihr, das fünfte Flugblatt der Weißen Rose im Januar 1943 nach Stuttgart zu bringen.

Die Schüler-Widerstandsgruppe gab im Herbst 1941 eigene Flugblätter heraus, mit Predigt-Texten des Münsteraner Bischofs Clemens August von Galen. Ein Teil davon wurde auf dem Dachboden des Vidalschen Hauses in der Klostersteige 27 reproduziert. Mitwisser waren die Eltern Vidal sowie die ältesten Söhne Josef und Anton. Konstantin Vidal berichtete später im Gespräch mit Lechner, dass der Hektograph aus dem Kloster Obermedlingen stammte und er das Gerät stets mit einer großen Hakenkreuzfahne zugedeckt habe. Was die jungen Widerständler vervielfältigten, habe er "aus Vorsicht" nicht wissen wollen. Die Flugblätter wurden an Ulmer Bürger geschickt.

Kaum waren die Schüler damals 18 geworden, wurden sie nach dem Notabitur zum Militärdienst eingezogen. Heinz Brenner traf es im Herbst 1942. Darum war er nicht in Ulm, als die Schüler-Widerstandsgruppe nach Verhaftung und Hinrichtung der Geschwister Scholl aufflog. Brenners Klassenkameraden Heinrich Guter, Hans Hirzel und Franz Müller wurden am 19. April 1943 vom Volksgerichtshof in München zu mehrjährigen Gefängnisstrafen verurteilt, weil sie das fünfte Flugblatt verbreitet hatten. Es war der zweite von insgesamt vier Prozessen gegen Mitglieder und das Umfeld der Weißen Rose.

Brenner desertierte von der Wehrmacht am 7. Oktober 1944 - und im Laufe seiner siebenmonatigen Flucht fand er unter anderem bei Familie Vidal in Oberelchingen Unterschlupf. Über den ersten Aufenthalt (vom 10. bis 30.

Oktober) schreibt er: "Mein Gastzimmer bestand aus einer unheizbaren ehemaligen Knechtskammer, denn ein Aufenthalt in der Wohnung war bei den vielen Kindern und Besuchern natürlich undenkbar. Immerhin holte mich hin und wieder Fräulein Schirmer in ihr Zimmer, das sie als bombengeschädigte Ulmerin im gleichen Haus bewohnte. (...) Für den Fall einer zufälligen Entdeckung durch Dorfbewohner zeigte ich mich auch einmal im Garten zur Apfelernte, damit der Besuch nicht zu geheimnisvoll erscheinen würde. Ich sei einige Tage als Freund des vermissten Sohnes auf Urlaub, lautete die Absprache." Josef Vidal war ebenfalls eingezogen worden und wurde auf dem Russland-Feldzug seit dem 23. Juli 1943 vermisst.

Nach dem Krieg bekam Brenner ein Stipendium an einer Schweizer Universität, studierte Staats- und Rechtswissenschaften, arbeitete für einen Chemiekonzern und lebt heute zurückgezogen im Allgäu.

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