Neu-Ulmer Zeitung vom 23.03.2006

Kahl geschoren auf dem Marktplatz

Dagmar Königsdorfer

„… fuhr sie durch die Stadt im Hemd, um den Hals ein Schild, das Haar geschoren. Die Gasse johlte.“ Bert Brecht schrieb diese Zeilen, nachdem in Nürnberg im August 1933 erstmals auf Julius Streichers Befehl hin eine junge Frau wegen „Rassenschande“ öffentlich kahl geschoren worden war. Auf dem Ulmer Marktplatz geschah einer 19-Jährigen im September 1940 diese Demütigung, weil sie einen Franzosen geliebt hatte. Unter den Augen tausender Zuschauer wurde sie kahl geschoren und dann im Triumphzug auf einem Lastwagen durch die Stadt gefahren.

 Nach dem Zusammenbruch des NS-Regimes verschwand bald aus dem kollektiven Gedächtnis, was an jenem Septembertag auf dem Ulmer Marktplatz geschehen war. Dr. Franco Ruault, Politikwissenschaftler beim Schweizer Fernsehen, hat jetzt die Biografie von Erna R., jener jungen Frau aus Böhmenkirch, recherchiert und referierte auf Einladung des DZOK in der Ulmer Volkshochschule über den Fall und seine politisch-historischen Hintergründe.

 Vielleicht wäre über das, was die älteren Menschen in Böhmenkirch gegenüber Ruault eine „heikle Sache“ nannten, nie eine Zeile geschrieben worden, hätten nicht drei Kinder im Ort Jahre nach dem Krieg  bei einem Umzug geholfen. Aus Jux setzten sie sich selbst auf den Umzugswagen – und bemerkten die starrenden Augen der Passanten, von denen sie sich bedroht und verhöhnt fühlten. Die Kinder begannen zu ahnen, dass sie ein Trauma verbindet – sie waren der Neffe und die beiden Kinder von Erna R., an deren demütigende Fahrt 1940 sich die Menschen beim Anblick der Kinder auf dem Wagen erinnert fühlten. Erna R. war in Böhmenkirch „wie von einem anderen Stern“ gewesen, ein hübsches, selbstbewusstes, weltoffenes Mädchen, das sich nicht für die Männer im Dorf interessierte und deswegen ihren Zorn reizte. Ihre erste große Liebe hatte einem jungen Franzosen gegolten, von dem sie im vierten Monat schwanger war, als ein Landjäger sie am 28. August 1940 wegen „Rassenschande“ anzeigte und der Ulmer Gestapo übergab. Wegen Verrats an der Volksgemeinschaft wurde sie zu einem Jahr Zuchthaus verurteilt. An einem Septembertag wurde sie auf einem Wagen auf den Ulmer Marktplatz gefahren, auf dem sich tausende Menschen eingefunden hatten. „Ich sah vor lauter Menschen den Marktplatz nicht mehr“, gab Erna R. später zu Protokoll. Nach einer 15-minütigen Hetzrede griff Christian Bienzinger, kommissarischer Kreisleiter und Initiator der Aktion, selbst zur Schere, mit unglaublicher Brutalität, wie sich Erna R. erinnerte. Bienzinger überwachte dann mit sadistischem Lächeln, wie ein junger, von außen geholter Friseurgehilfe die Arbeit vollendete, ehe die entstellte, stigmatisierte junge Frau – bespuckt und verhöhnt von den Zuschauern – durch die Stadt gefahren wurde.

Dr. Franco Ruault erläuterte am Schicksal Erna R.s das System der „rituellen Tötung“ junger Frauen  durch das Kahlscheren symbolisch für den Anspruch der Nationalsozialisten auf sexuelle Verfügungsgewalt über die Frau als beliebiges Reproduktionsmaterial. Frauen, die sich wie Erna R. der rassischen Höherzüchtung widersetzten, machten sich so zum Staatsfeind, weil sie den NS-Plan, die Entstehung des Lebens in den Griff zu bekommen, boykottierten. Das Haare - Zeichen der Ungezähmtheit und in vielen Kulturen als göttlich aufgefasst - zu scheren, verkörperte so weniger einen ästhetisches Mittel der Bestrafung als einen seelischen Tod.

 Erna R. aber zerbrach nicht. Sie blieb standhaft, was immer man ihr auch angetan hatte, so Ruault. Wiedergutmachung forderte sie nie, stattdessen sorgte sie liebevoll für ihre beiden Kinder und den Neffen. Erna R. starb 1978. Über den jungen Franzosen, den Vater ihres ersten Kindes, ist nichts bekannt; Dr. Franco Ruault geht davon aus, dass er von seinen Landsleuten hingerichtet wurde.

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